Wirtschaft & Politik

Gysi als Alterspräsident: Was er bei der Bundestagseröffnung morgen plant

today25.03.2025

Hintergrund

Die konstituierende Sitzung des 21. Deutschen Bundestags steht bevor und mit ihr ein besonderer Moment: Gregor Gysi wird als dienstältester Abgeordneter die Rolle des Alterspräsidenten übernehmen. Der 77-jährige Linken-Politiker, bekannt für seine rhetorischen Fähigkeiten und pointierten Reden, hat bereits angekündigt, diese einmalige Gelegenheit zu nutzen – denn für den Alterspräsidenten gibt es keine Redezeitbegrenzung. „Es ist wirklich angenehm, nicht ständig auf die Uhr schauen und nach zwei Minuten abbrechen zu müssen“, verriet Gysi im Vorfeld der morgigen Sitzung.

Eine historische Ehre mit Kontroversen

Gysi als Alterspräsident: Was er bei der Bundestagseröffnung morgen plant
Ferran Cornellà, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Dass Gregor Gysi diese Ehre zuteil wird, ist das Ergebnis einer Regeländerung aus dem Jahr 2017. Damals wurde festgelegt, dass nicht mehr der älteste, sondern der dienstälteste Abgeordnete die konstituierende Sitzung eröffnet. Ohne diese Änderung wäre der 84-jährige Alexander Gauland von der AfD für diese Aufgabe vorgesehen gewesen. Diese Regeländerung bleibt für die AfD ein strittiger Punkt.

Gysi selbst ist seit über 30 Jahren Mitglied des Bundestages – mit einer kurzen Unterbrechung, als er als Berliner Wirtschaftssenator tätig war. Bei der jüngsten Bundestagswahl konnte er sein Direktmandat im Wahlkreis Treptow-Köpenick mit beeindruckenden 41,8 Prozent der Stimmen sichern, während seine Partei insgesamt 8,8 Prozent erreichte und mit 64 Sitzen in den Bundestag einzieht.

Was plant Gysi für seine Rede?

Obwohl Gysi scherzhaft bemerkte, dass er „die erste, letzte und einzige Rede in meinem Leben im Bundestag halte – ohne Redezeitbegrenzung“, hat er bereits klargestellt, dass er das Amt nicht für eine Dauerrede missbrauchen wird. „Aber eine gute halbe Stunde werde ich schon sprechen“, kündigte er an.

Inhaltlich dürfte die Rede durchaus substanziell werden. „Sicherlich werde ich etwas zur Außenpolitik sagen und auch zur Situation unserer Gesellschaft. Vielleicht werde ich auch einige Vorschläge unterbreiten, was man überparteilich mal miteinander besprechen müsste“, verriet Gysi. Besonders interessant könnten seine Gedanken zur Wiedervereinigung sein – ein Thema, bei dem er einst gegen die Wiedervereinigung stimmte.

Kritik an Gysis Rolle

Nicht alle sehen Gysis Rolle als Alterspräsident positiv. Der Historiker Hubertus Knabe bezeichnete es als „Treppenwitz der Geschichte“, dass ausgerechnet Gysi den Bundestag eröffnen dürfe. Der Hintergrund: Gysi trat 1967 der SED bei und wurde 1989 letzter Parteivorsitzender der SED-PDS. Seine Vergangenheit und die Vorwürfe bezüglich möglicher Stasi-Kontakte bleiben für manche ein Kritikpunkt.

Zwischen Politikerkarriere und Bürgernähe

Interessanterweise hat sich Gysi selbst kritisch zur Entwicklung junger Politiker im Bundestag geäußert. In einem Interview mit der Düsseldorfer „Rheinischen Post“ riet er jungen Abgeordneten, nach acht Jahren eine Pause vom Parlament einzulegen und andere Berufserfahrungen zu sammeln, etwa in der Pflege oder der Entwicklungszusammenarbeit. „Sie denken aber, sie drücken die Meinung des Volkes aus. Der Höhepunkt ist, am Ende sehen sie selbst aus wie eine Drucksache“, warnte er vor der Entfremdung von der Bevölkerung.

Mit Blick auf den CDU-Politiker Philipp Amthor, der seit 2017 im Bundestag sitzt, merkte Gysi an, dass er ihm geraten habe, das Parlament zu verlassen – wohl wissend: „Selbstverständlich hört er nicht auf mich.“

Ein besonderer Moment in Gysis Karriere

Für Gysi selbst markiert die morgige Bundestagseröffnung zweifellos einen Höhepunkt seiner politischen Laufbahn. Obwohl er ursprünglich einen Rückzug aus der Politik erwogen hatte, entschied er sich noch einmal anzutreten, als seine Partei nach einer innerparteilichen Krise zu verschwinden drohte. Nun wird er nicht nur Teil des neuen Bundestages sein, sondern darf auch die möglicherweise bedeutendste Rede seiner politischen Karriere halten.

Julia Klöckner, die designierte neue Bundestagspräsidentin, blickt bereits auf die kommende Legislaturperiode: „Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit allen demokratischen Fraktionen im neuen Bundestag. Gemeinsam wollen wir die Arbeit des Parlaments bürgernah und transparent gestalten.“

Die morgige konstituierende Sitzung verspricht somit nicht nur formaler Natur zu sein, sondern könnte durch Gysis Rede zu einem denkwürdigen Moment deutscher Parlamentsgeschichte werden. Auch wenn er versichert hat, die unbegrenzte Redezeit nicht zu missbrauchen – gespannt sein darf man allemal.

Geschrieben von: RadioMonster.FM