Musik

Elton John und Brandi Carlile: „Who Believes In Angels?“ – Musikalische Seelenverbindung zweier Generationen

today04.04.2025

Hintergrund

Eine unerwartete musikalische Partnerschaft, die Generationen überbrückt und Genre-Grenzen sprengt: Mit „Who Believes In Angels?“ liefern Elton John und Brandi Carlile ein Album, das sowohl als Neuanfang für den Popveteranen als auch als Karrierehöhepunkt für die Country-Americana-Künstlerin gesehen werden kann. Die zehn Songs, die heute veröffentlicht wurden, vereinen klassischen Elton-Sound mit Carliles emotionaler Tiefe und erschaffen dabei etwas, das weder nostalgisch noch zeitgeistig wirkt, sondern zeitlos.

Eine kreative Renaissance trotz Widrigkeiten

Elton John und Brandi Carlile:

Für Sir Elton John markiert dieses Album einen besonderen Moment. Nach seinem offiziellen Rückzug vom Tourgeschäft 2023 und einer schweren Augenentzündung im vergangenen Jahr schien seine aktive Musikkarriere möglicherweise am Ende. Doch die Zusammenarbeit mit Brandi Carlile hat offensichtlich neue kreative Energien freigesetzt. „Für mich ist dies der Beginn meiner Karriere Mark 2“, erklärte John in einem Interview. „Es war eines der härtesten Alben, die ich je gemacht habe, aber auch eine der besten Erfahrungen meines Lebens.“

Die Verbindung zwischen den beiden Künstlern hat tiefe Wurzeln. Bereits 2009 arbeitete Carlile mit John an einem ihrer frühen Alben zusammen, und seitdem hat sich zwischen ihnen eine tiefe Freundschaft entwickelt. Bei Johns Abschiedskonzert im Dodger Stadium 2022 war Carlile eine der besonderen Gäste. Diese persönliche Beziehung spiegelt sich in der musikalischen Chemie wider, die das gesamte Album durchzieht.

Musikalische Höhepunkte zwischen Nostalgie und Neuerfindung

Produziert von Andrew Watt und unterstützt von einer Starbesetzung von Studiomusikern – darunter Chad Smith von den Red Hot Chili Peppers, Bassist Pino Palladino und Gitarrist Josh Klinghoffer – schafft das Album eine Klanglandschaft, die Johns klassischen Sound der 70er Jahre in die Gegenwart transportiert, ohne dabei bloße Selbstreferenz zu sein.

Der Opener „The Rose Of Laura Nyro“ ist eine passende Hommage an die legendäre Songwriterin und beginnt mit einer über zweiminütigen instrumentalen Einleitung, die an Johns epische „Funeral For A Friend/Love Lies Bleeding“ erinnert. Wenn dann beide Stimmen einsetzen, entsteht ein harmonisches Wechselspiel, das die individuellen Stärken beider Künstler hervorhebt.

Mit „Little Richard’s Bible“ liefern die beiden einen energiegeladenen Rock-Song im Stil von „Saturday Night’s Alright For Fighting“, während der Titeltrack „Who Believes In Angels?“ eine gefühlvolle Ballade präsentiert, die existenzielle Fragen stellt und von beiden Sängern mit bemerkenswerter emotionaler Tiefe interpretiert wird.

„Diese Zusammenarbeit war einer der größten musikalischen Momente meines Lebens“, sagt Elton John. „Ich wollte ein Album machen, das voller Energie und großartiger Songs ist. Und es hat brillant funktioniert.“

Eine kreative Partnerschaft auf Augenhöhe

Ein besonderes Merkmal dieses Albums ist die Textarbeit. Während der legendäre Bernie Taupin, Johns langjähriger Textpartner, weiterhin beteiligt war, hat Brandi Carlile ebenfalls maßgeblich zum lyrischen Inhalt beigetragen. Diese Zusammenarbeit führt zu Texten, die sowohl Johns typische Themen als auch Carliles persönliche Perspektive widerspiegeln.

Carlile selbst beschreibt die Studioerfahrung als magisch: „Es fühlte sich an wie Mozart zuzusehen – Musik floss durch seinen ganzen Körper in einem Stream of Consciousness. Als junges Mädchen war er ein Hoffnungsschimmer in einer verwirrenden Welt.“

Die Dynamik zwischen den beiden Künstlern war nicht immer reibungslos, wie der begleitende Dokumentarfilm „Stories From The Edge Of Creation“ zeigt. Dieser gibt intime Einblicke in die Studioproduktion, einschließlich kreativer Meinungsverschiedenheiten und emotionaler Durchbrüche. Diese Spannungen haben jedoch letztendlich zu einem authentischeren Endprodukt geführt.

Ein Album zwischen Bombast und Intimität

Während einige Kritiker dem Album vorwerfen, einen veralteten Bombast-Poprock-Stil zu präsentieren, der wenig Verbindung zur zeitgenössischen Musikwelt herstellt, sehen andere gerade in dieser Unangepasstheit eine Stärke. „Who Believes In Angels?“ macht keine Zugeständnisse an aktuelle Trends, sondern vertraut auf die zeitlose Qualität gut geschriebener und gefühlvoll vorgetragener Songs.

Besonders berührend ist der Abschlusstrack „When This Old World Is Done With Me“, eine nachdenkliche Ballade, in der John ehrlich auf die letzte Lebensphase blickt: „Wenn diese alte Welt mit mir fertig ist, wisst nur, dass ich so weit gekommen bin, um in Stücke zerbrochen zu werden, verstreut unter den Sternen.“ Es ist ein bewegendes Bekenntnis zur eigenen Vergänglichkeit von einem Künstler, der trotz seiner 76 Jahre nicht aufhört, sich musikalisch zu entwickeln.

Mehr als nur ein Comeback-Album

Am 26. März gaben beide Künstler im London Palladium einen Vorgeschmack auf das neue Album vor Live-Publikum und kombinierten neue Songs mit Klassikern wie „Tiny Dancer“ und Carliles „The Story“. Die Chemie zwischen den Performern war unübersehbar und bestätigte, dass diese Zusammenarbeit weit mehr ist als ein kalkuliertes Comeback-Projekt.

„Das Leben geht weiter, wenn man Herausforderungen hat – selbst mit 76 Jahren“, betont John. Für Fans, die nach Johns Abschiedstournee befürchteten, dass seine kreative Reise zu Ende sei, ist „Who Believes In Angels?“ ein Geschenk – und vielleicht der Beginn eines spannenden neuen Kapitels.

Für Brandi Carlile repräsentiert dieses Album nicht nur eine musikalische Errungenschaft, sondern auch eine Botschaft von Hoffnung und Schönheit. „Es geht darum, an etwas zu glauben, das größer ist als wir selbst“, sagt sie über die Titelwahl.

„Who Believes In Angels?“ mag nicht jedem zeitgenössischen Hörer gefallen, der nach den neuesten Trends sucht. Aber für diejenigen, die mit dem Herzen zuhören, bietet es eine emotionale Reise durch die Höhen und Tiefen des Lebens, getragen von zwei außergewöhnlichen Stimmen, die trotz ihrer unterschiedlichen Generationen eine gemeinsame musikalische Sprache gefunden haben.

Geschrieben von: RadioMonster.FM